Dr. Almut Sanchen

Sanchen Consulting
Aug. 27, 2026
Business
Dr. Almut Sanchen

Sanchen Consulting

Nachhaltig Wirtschaften in der Mikro- und Nanotechnikbranche

Nachhaltigkeit entwickelt sich vom reinen Reporting zunehmend zu einem Business Case und Resilienz-Faktor. 

Die gute Nachricht: Neun von zehn Unternehmen im DACH-Raum (Deutschland, Österreich, Schweiz) investieren in Nachhaltigkeitsprojekte, wie die neue IFZ ESG Reporting Studie 2026 zeigt. Und das trotz - oder gerade wegen - Unsicherheiten in wirtschaftlicher und geopolitischer Lage, im Spannungsfeld mit staatlichen Regulierungen und gelockerten Reporting-Pflichten. Top-Themen in Nachhaltigkeitsstrategien sind Compliance mit den regulatorischen Anforderungen, Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz sowie die Reduktion von Treibhausgasemissionen. Als wichtigste Bereiche für Investitionen werden CO2-Reduktion, Aufbau von Datenmanagementsystemen und digitalen Reportingprozessen sowie Energieeffizienz (z. B. Gebäude, Maschinenpark, Produktionsprozesse) genannt.

In Energieeffizienz investieren senkt Kosten und trägt gleichzeitig zur Nachhaltigkeit bei

Energiepreissteigerungen und -schwankungen, wie sie seit 2021 infolge der Coronapandemie und von Versorgungsengpässen begonnen und 2022 einen Höhepunkt erreicht haben, belasten energieintensive Unternehmen unmittelbar und wirken sich letztlich auf jeden von uns aus, unter anderem durch die Verteuerung zahlreicher Güter und Dienstleistungen. Dazu kommt, dass Energieträger, wie Erdöl und Erdgas, auch stofflich unverzichtbar sind, beispielsweise für die Herstellung von Kunststoffen. Nachhaltig Wirtschaften bedeutet daher, die Versorgungsrisiken und die Vulnerabilität des eigenen Unternehmens unter die Lupe zu nehmen und Strategien zu entwickeln, die das Kerngeschäft weniger abhängig von kritischen Lieferketten und Preissteigerungen macht. Energieeffizienzmassnahmen für Gebäude, Infrastruktur und Produktion sowie die Umstellung auf erneuerbare, einheimische Energiequellen tragen wesentlich zur Verbesserung der Nachhaltigkeit bei. Reinräume gehören zum Beispiel zu sehr energieintensiven Infrastrukturen mit Effizienz- und Kosteneinsparpotenzial. Unterstützung für Energiemanagement und Energieprojekte können Unternehmen über die Energieagenturen erhalten, auf der Webseite des Bundesverbandes der Energie- und Klimaschutzagenturen Deutschland e. V. ist eine Liste mit Agenturen aufgeführt. 

Wer Beschaffungsrisiken bei Rohstoffen reduziert, stärkt die Resilienz

Neben der Beschaffung von Energieträgern ist auch die sichere Versorgung der Produktion mit Rohstoffen und Vorprodukten essenziell. Insbesondere sogenannte kritische Rohstoffe, auf die die Mikrotechnik in vielfältiger Weise angewiesen ist, stehen gleichermaßen im Fokus von Unternehmen, Staaten und Gesetzgebern. Die Anwendung von Kreislaufwirtschaftsprinzipien, auch als R-Strategien bezeichnet, ist entscheidend, um diese Materialien in der Region, im Land beziehungsweise in Europa zu halten. Beschaffungsrisiken können Unternehmen auch verringern, indem sie auf weniger kritische Ersatzmaterialien setzen und insgesamt den Einsatz von natürlichen Ressourcen reduzieren. In Ressourceneffizienz und Kreislaufwirtschaft steckt noch viel Potenzial, wie eine Studie des VDI ZRE zum Thema Verankerung von Ressourceneffizienz & Kreislaufwirtschaft in kleinen und mittelständigen produzierenden Unternehmen 2025 zeigt. Ressourceneffizienzmassnahmen werden umgesetzt, Innovationskraft und Wettbewerbsvorteile werden gesehen, aber in Geschäftsmodellen verankert ist Ressourceneffizienz bisher kaum und bei der Ausnutzung von Potenzialen besteht viel Luft nach oben (Abbildung 1, Abbildung 2). 

Stellenwert von Ressourceneffizienz im Unternehmen (gesamt und nach Unternehmensgröße), Ergebnisse der Befragung VDI ZRE Studie zur Verankerung von Ressourceneffizienz & Kreislaufwirtschaft im Unternehmen 20254. Angaben in Prozent der Zustimmung der Befragten zu den Aussagen. Aufteilung der Ergebnisse nach Unternehmensgrössen 20-49 Mitarbeitende, 50-249 Mitarbeitende und 250-1000 Mitarbeitende. Eigene Darstellung.
Einschätzungen zum Wettbewerbsumfeld Ressourceneffizienz (gesamt und nach Unternehmensgröße), Ergebnisse der Befragung VDI ZRE Studie zur Verankerung von Ressourceneffizienz & Kreislaufwirtschaft im Unternehmen 20254. Angaben in Prozent der Zustimmung der Befragten zu den Aussagen. Aufteilung der Ergebnisse nach Unternehmensgrößen 20-49 Mitarbeitende, 50-249 Mitarbeitende und 250-1000 Mitarbeitende. Eigene Darstellung.

Der erste Schritt zu mehr Resilienz ist Transparenz über Daten, Prozesse und Geschäftsmodelle.

Transparenz ist die Basis für die Navigation in der Nachhaltigkeit

Häufig ist nicht klar ersichtlich, welche Rohstoffe in einem eingekauften Produkt enthalten sind, beispielsweise weil entsprechende Deklarationen der Lieferanten fehlen. Dies ist auf verschiedene Gründe zurückzuführen: Nach mehreren Verarbeitungsstufen lassen sich nicht mehr alle enthaltenen Stoffe bis zu ihrem Ursprung zurückverfolgen, insbesondere in globalen Lieferketten. Hinzu kommt, dass Lieferanten die genaue Produktzusammensetzung aus Know-How-Schutzgründen geheim halten. Und es fehlen vielfach gesetzliche Deklarationspflichten. Um Licht ins Dunkel zu bringen, empfiehlt es sich, im ersten Schritt Gespräche mit den Lieferanten zu suchen. Zielführend ist eine systematische Vorgehensweise unter Verwendung anerkannter Datenbanken und Methoden. Grundlagen bieten Normen, Richtlinien und Studien, zum Beispiel die Arbeitshilfen des Umweltbundesamts für nachhaltiges Lieferkettenmanagement, die Richtlinienreihe VDI 4800 (VDI 4800 Blatt 1:2025-10, Oktober 2025) vom Verein Deutscher Ingenieure VDI zu Ressourceneffizienz und Ressourcenschonung, oder die DERA-Rohstoffliste der Deutschen Rohstoffagentur DERA mit einem Überblick zu potenziellen Preis- und Lieferrisiken auf den internationalen Rohstoffmärkten.

Datenerfassung, Auswertung, Digitalisierung und Monitoring

Wer seine Daten kennt, kann diese auch managen. Das heißt, Unternehmen, die ihre Energie- und Materialflüsse genau beziffern können, können auch die damit verbundenen -Risiken, Chancen und Kosten besser steuern. Das betrifft Mikrotechnik-Unternehmen wie jedes andere Unternehmen. Energie- und Materialflussanalysen im Betrieb und über die Lieferkette sind die Basis für Bilanzen und Kennzahlen zur Bewertung der Nachhaltigkeit von Unternehmen, Prozessen und Produkten. Digitalisierung und Datenmanagementsysteme erleichtern zunehmend die Arbeit, wo heute vielfach noch manuelle Auswertungen notwendig sind oder verschiedene digitale Systeme nebeneinander existieren, die nicht miteinander kommunizieren können. Die Anwendung bewährter Prozess-Modelle, wie zum Beispiel CRISP-DM (Cross-industry standard process for data mining), empfiehlt sich, um Strategien für den Umgang mit Daten und Digitalisierung strukturiert aufzubauen und Ansatzpunkte für Verbesserungsmaßnahmen zu ermitteln. 

Regulatorische Anforderungen 

Zahlreiche Daten werden auch benötigt, um regulatorische Anforderungen zu erfüllen. Die Offenlegung von Informationen zur Nachhaltigkeit bzw. ESG (Environment-Social-Governance) zählt dazu. Von der Pflicht zur Berichterstattung sind zwar nur noch große Unternehmen direkt betroffen, jedoch werden die meisten Unternehmen über die Lieferkette Informationen und Kennzahlen zu verschiedenen Nachhaltigkeitsthemen berichten müssen oder auch freiwillig publizieren wollen. Über den aktuellen Stand der Umsetzung der Europäischen Standards (ESRS) kann man sich zum Beispiel beim Umweltbundesamt informieren. Softwarelösungen können bei der Berichterstattung unterstützen, aber keine «Nachhaltigkeit machen». Das breite Feld der Nachhaltigkeitsregulierungen ist in ständigem Wandel. Neu hinzugekommen ist im März 2026 zum Beispiel die Empowering Consumers Directive (EmpCo) der Europäischen Union, das Umweltaussagen von Unternehmen regelt und Greenwashing einen Riegel vorschiebt.

Verankerung von ESG im Unternehmen

Nachhaltigkeit ist in Unternehmen angekommen. Im Rahmen der bereits erwähnten Umfragen in der IFZ ESG Reporting Studie 2026 stimmten bereits 37.6 % der befragen Unternehmen der Aussage voll zu, dass ESG in Unternehmensstrategie und Entscheidungsprozessen verankert ist, weitere 37.1 % gaben an, dass dies «eher zutrifft». Auch spezifische Befragungen in der Mikrotechnik-Branche ergaben ein ähnliches Bild. Bei der Frage nach der Verankerung von Nachhaltigkeit in Aktionsplänen, Risikomanagement, Geschäfts- und Investitionsplänen stimmen in der IFZ ESG Studie schon deutlich weniger Unternehmen voll zu – nämlich 16.1 %. Es gibt also viel zu tun, um von Bekenntnissen und Zielsetzungen zu Umsetzung und kontinuierlicher Verbesserung zu kommen. ESG ist keine Sonderaufgabe für eine separate ESG-Abteilung, sondern ein integraler Bestandteil der gesamten Unternehmensführung.

Klima und Treibhausgasemissionen 

Im Bereich der ökologischen Nachhaltigkeit ist Klima das prominenteste Thema. Eines von vier Unternehmen sieht sein Geschäftsmodell bereits heute von Klimawandelauswirkungen betroffen, zwei Drittel der Unternehmen haben quantitative Ziele zur Reduktion der Treibhausgasemissionen gesetzt. Auf der einen Seite bestehen große Herausforderungen bei der Datenerhebung und der Reduktion von «Scope 3 – Emissionen» (Emissionen in vor- und nachgelagerter Lieferkette), weil hier Datenzugänglichkeit und Handlungsspielraum beschränkt sind. Auf der anderen Seite wird es für Unternehmen immer einfacher, selbst Treibhausgasbilanzen zu erstellen, dank zunehmender Verfügbarkeit verständlicher Berechnungstools, überarbeiteter Normen und Richtlinien und wachsenden Angeboten frei verfügbarer Datenbanken mit Emissionsfaktoren. Für Deutschland publiziert und aktualisiert das Umweltbundesamt regelmäßig Treibhausgasemissionsfaktoren. Bei den Prioritäten für Zielsetzungen stehen Klimarisiken und Netto-Null-Treibhausgasemissionen bei Unternehmen jedoch bestenfalls im Mittelfeld (Abbildung 3). 

Ranking der 16 abgefragten strategischen Nachhaltigkeitsziele für die Gesamtstichprobe (186 Unternehmen im DACH-Raum), FZ ESG Reporting Studie 2026. Eigene Darstellung.

Bezüglich Netto-Null ergibt sich das möglicherweise aus der Erkenntnis heraus, dass die internationalen Klimaziele kaum mehr erreichbar sind. Bezüglich Klimarisiken ist dies jedoch weniger klar verständlich, da Klimarisiken real und Unternehmen heute schon betroffen sind. Einerseits physisch (Produktionsminderung durch Hitze, Schäden durch Überschwemmungen, Einschränkungen Transportwege durch Gleisschäden, etc.) und andererseits transitorisch (steigende Versicherungsprämien, steigende Transportkosten, etc.). Die Erarbeitung von Klima-Transformationsplänen hilft Unternehmen, die eigene Vulnerabilität besser zu verstehen, Handlungsspielräume und Chancen zu erkennen und Maßnahmen abzuleiten. Transformationspläne werden über die Bundesförderung für Energie- und Ressourceneffizienz in der Wirtschaft finanziell unterstützt.

Zentrale Rolle von Mikrotechnik-Anwendungen für Nachhaltigkeit

Mikro- und Nanotechnik spielen auch selbst eine zentrale Rolle für nachhaltige Technologien und Innovationen, indem sie zum Beispiel Effizienzverbesserungen, Ressourcenschonung und präzise Steuerung ermöglichen. Die Anwendungsbereiche sind breit gefächert: In der Produktion erfassen Sensoren Parameter, die es ermöglichen, Qualität in Echtzeit zu überwachen und frühzeitig Gegenmassnahmen bei Abweichungen zu ergreifen. Das verringert Ausschuss und damit Abfälle. In der Medizintechnik ermöglichen miniaturisierte, hochpräzise und multifunktionale Systeme für Labor- und in-vivo-Anwendungen neue Analysemöglichkeiten und schonendere Behandlungen. Zudem können sie einen Beitrag zu Ressourceneinsparungen leisten. 

Sind Sie fit für Nachhaltigkeit?

Nachhaltigkeit ist eine unternehmerische Aufgabe, die am besten gelingt, wenn Unternehmen das Thema in die eigene Hand nehmen. Statt primär auf regulatorische Vorgaben zu reagieren, gewinnen proaktive Strategien an Bedeutung: Aufbau interner Kompetenzen, Integration in Unternehmensstrategie und -prozesse, Verknüpfung mit Effizienz- und Kostenzielen. Nachhaltigkeit wird so vom externen Druck zum internen Steuerungsinstrument. 

Beim Kompetenzaufbau bietet IVAM seinen Mitgliedsunternehmen und weiteren Unternehmen der Branche Unterstützung mit Informationen, Weiterbildungsveranstaltungen und Vernetzung. 

Die nächste Online-Weiterbildung startet im November/Dezember 2026. Die vierteilige Serie (je 3 Stunden) vermittelt kompakt die Grundlagen der Nachhaltigkeit für Mikrotechnik-Unternehmen – von Konzepten und Regulatorik bis zu Themen wie kritischen Rohstoffen und Kreislaufwirtschaft. Teilnehmende lernen, Nachhaltigkeit mess- und steuerbar zu machen (inkl. Carbon Accounting, Nachhaltigkeitskennzahlen, Tools) und im Unternehmen strategisch sowie operativ zu verankern. Zum Abschluss stehen nachhaltige Produkte und Lieferketten im Fokus, mit praxisnahen Übungen zu Materialbewertung, Lieferkettenmanagement und die Vermeidung von Greenwashing. Zielgruppen sind EntscheiderInnen, in Nachhaltigkeitsprozesse Involvierte und alle an Nachhaltigkeitsthemen Interessierte.

Weitere Informationen / Anmeldung zur Weiterbildung.